Velo-Pilgertour

Erfurt – Roma

21.09. – 25.10.2003

 

Wer’s glaub wird selig

*

Wadenkrämpfe vor Crawinkel

*

Eine besondere Tankstelle

*

Was Luther mit Münnerstadt verband

*

Daniel fuhr schon mal vor

*

Das brachte sogar die Stuttgarter Polizei zum Staunen

*

Wollt ihr wirklich nach Rom?

*

Die Welt ist klein

*

Der Schlagbaum musste selbst betätig werden.

*

Zürich ließ uns nicht los.

*

In den Alpen hat’s geschneit

*

Gott organisiert am besten

*

Kommt zu mir!

*

Das morgendliche Glockenspiel

*

*

 

Wer’s glaub wird selig

Der Anfang

Schmunzelnd zogen viele Priester zum Abschlussgottesdienst der alljährigen Bistumswallfahrt über den Erfurter Domberg. Ihre Blicke fielen automatisch auf unser 3 Meter langes Fahrradgespann. Einige schüttelten ihren Kopf: „Kaum zu glauben, dass man dieses voll gepackte Gefährt bewegen,  geschweige damit fahren kann“. Und damit bis nach Rom? – „Jungs, ihr seit doch wahnsinnig. So oder ähnlich wird mancher schon  gedacht haben, als er das Schild mit der Aufschrift „Velo-Pilgertour Erfurt – Rom“ erblickten oder vom Mitbruder erzählt bekam. Unser Bischoff gab mir nur die Hand und sagte. „Setzt dich auf dein Rad“.  Bei den einen mehr, bei den anderen weniger regten sich auch bei uns Zweifel, als wir schwerfällig die ersten Meter über das holprige Dombergpflaster rollten. Es war Generalprobe und Prämiere zugleich  Nie zuvor hing ich mit meinen Dreirad hinten bei Gottfried am Rollstuhlfahrrad dran. Realisiert wurde dies durch eine Spezialvorrichtung, die  ein Schlossermeister aus Zeulenroda  erst 2 oder 3 Tage zuvor konstruiert hatte. Zeit zum Auszuprobieren war nicht. Erst hier auf dem Domberg zwischen dem Mariendom und der Severikirche montierte Gottfried das Vorderrad meines Dreirades aus der Gabel und schraubte sie an die Kupplung des Rollstuhlfahrrades. Obwohl die Vordergabel jetzt nur 5 bis 10 cm höher über den Boden kam, nahm ich eine ganz andere Sitzhaltung ein. An diese Ungewohntheit musste man sich erst gewöhnen, wie auch Gottfried sich anzufreunden hatte, hinter den Rollstuhlfahrrad noch ein Dreirad her  ziehen zu müssen. Für das Rollstuhlfahrrad, bestehend aus einen Fahrradhinterteil und speziellem Rollstuhl, die zusammengesteckt zu eine Art Fahrradritscha verschmelzen, entschied sich Gottfried, weil man dort wie auf ein gewöhnlichem Rad sitzt und normal drücken und treten und auch mal aus den Sattel gehen konnte. Ursprünglich plante er, ebenfalls wie ich, ein Sesseldreirad zu nehmen. Hier hätten wir auf tausendfach bewährte Technik zurückgreifen können, aber nach erneutem Testen jener Dreiradtandemvariante entschied er sich für das  Rollstuhlfahrrad. Mit Anspannung und mit einen mulmigen Gefühl in der Magengegend rollten wir den holprigen Domberg hinab. Hinter Hochheim, einem Vorort vom Erfurt, spätesten bei Schloss Molsdorf, wo wir zum Kaffeepauschen nach ca. 12. km einkehrten, legte sich meine Nervosität. Unser angepeiltes Tagesziel Oberhof verfehlten wir um 15 km. Oberhof  war der einzigste Ort in dem wir versuchten, uns in der kath. Pfarrei telefonisch zur Übernachtung einzuquartieren. Herr Pfarrer war von unserem Vorhaben so beeindruckt,  dass er sich ständig wiederholte, fieberhaft nach eine Übernachtung nachsinnte und sich tausendfach  entschuldigte, weil nichts zu klappen schein. Umso erleichterter waren wir nun bei Anbruch der Dunkelheit, dass in Oberhof keiner auf uns wartete. ...

 

 

 

*

Wadenkrämpfe vor Crawinkel

 

Im Jonastal ging es stetig bergauf. Plötzlich hielt Gottfried am Straßerand an, stieg vom Rad und hielt sich die Wade. Aus der Kalten gleich in die Berge. Das kann ja nicht gut gehen schon gar nicht, wenn das Gefährt mit Gepäck und Lutz seinem Dreirad, das noch hinter dran hing, über 200 kg auf die Waage brachte. Lutz könnte zwar auf seine Rad auch demmeln, aber wie viel kam davon rüber? Von Geburt an spastisch behindert und saß im Alter von 25 Jahren erstmalig auf einem Fahrrad. Mit diesem Alter feierte Gottfried seine größten Erfolge im Straßenradsport, wurde DDR-Vizemeister und Bergkönig im Thüringer Wald. Unterschiedlicher hätten die Voraussetzung der Beiden kaum sein könnten. Fuhre jeder für sich, wäre der einer sicher schon in Bad Neustadt über alle Berge, hätte der andere Stedten, den letzten Vorort von Erfurt, vielleicht gerade hinter sich gelassen.

Zusammen wurden die letzten 3 km nach Crawinkel zur Qual. Die Häuser des Ortes waren schon zu erkennen, doch die Straße zog sich und zog sich.

Frau Sauerbrey traute ihren Augen kaum. So etwas Feudales wie unser Gefährt hatte sie noch nie gesehen. Eigentlich hatte ihre Pension geschlossen und ihr Mann wartete auch gerade die Wasserleitung. Trotzdem gab sie uns ein Zimmer und sponserte uns am nächsten Morgen sogar die Zeche.

 

*

Eine besondere Tankstelle

 

Die herzlichen Worte, welche uns Frau Sauerbrey mit auf die weitere Reise gab, verflüchtigten sich schon bald aus dem Gedächtnis. Zu zahlreich waren die Begegnungen und Erlebnisse auf dieser Tour, dass man Details gar nicht so schnell verarbeitet geschweige jedes gute Wort in den grauen Zellen speichern konnte. Verdienst hätten es alle. Besonders die Wünsche und Aufmunterungen, die am Beginn der scheinbar unendlich langen und schweren Tour für uns ausgesprochen wurden. Für viele war unser Vorhaben kaum fassbar und lag jenseits der menschlichen Vorstellungskraft. Und doch brachte es sie zum Stauen und riss sie für einen Moment aus ihren Alttagtrott. Unser dreiteiliges Fahrradgespann (Rollstuhlteil, Fahrrad und Sesseldreirad) strahlte eine Kraft aus, die vielen förmlich durch die Adern zuckte um sich dann wieder auf uns zu potenzieren. Anders lässt sich der plötzliche Aufschrei einer Frau „Macht erst mal Pause, kommt auftanken“ nicht erklären. Wir ließen uns nicht 2 Mal bitten, hatten mit dem Ortseingangsschild von Oberhof auch gerade einen 12 km langen Berg mit Spitzensteigungen von 15 Prozent hinter uns gelassen und wünschen eine Pause herbei. Sie saß mit ihrem Mann und mit noch einem befreundeten Ehepaar vor ihrer Gartenlaube und genoss die Spätsommersonne. Später erzählte sie uns, zuvor bewirtete sie uns mit Kaffee und Gebäck, dass ihr kleines Anwesen 3 Gartenhäuschen hat und dass mit der Sonne von einen zum anderen gewandert wird. Die älteren Herrschaften hatten sich nach der Wende wegen Wohnungsproblemen aus Erfurt zurückgezogen bauten sich in Oberhof ihre Sommervilla aus und genießen nun das Leben.  Davor pflegte sie viele Jahre ihre bettlegerische Mutter,  konnte also mitreden, was es heißt, kranke Menschen zu betreuen und konnte sich doch nicht vorstellen mit spastisch gelähmte Menschen ständig zusammen zu sein geschweige eine so gewaltige Reise mit ihnen zu unternehmen. Sie war sich mir gegenüber sehr unsicher und sah mich bei jeden Schritt, den ich selbständig unternahm, schon am Erdboden liegen. Was für einen Eindruck muss es auf sie gemacht haben, als sie sah, dass ich sogar das Fahrrad mit fortbewegen konnte. Sicher saß sie nach unserem Abschied noch staunend im Garenstuhl und ließ die Kraft, die von uns aus ging, auf sich wirken. Mit Oberhof war gleichzeitig das Dach des Thüringer Waldes erreicht. Am frühen Nachmittag rollten wir hinunter nach Zella Mehlis, vorbei an Suhl in Richtung Meiningen. Hinter Rohr, die Häuser der kleinen Gemeinde Elingshausen waren fast erreicht, ereilte uns die erste Reifenpanne. Erwischt hatte es das linke Vorderrad des Rollstuhlfahrrades. Eines der beiden Laufräder, die zusammen mit der  Sitzschalen, das Rollstuhlteil bildete. Nebenbei sei erwähnt, dass das Rollstuhlteil gleichzeitig das Vorderteil des Rollstuhlfahrrades ist, welches separat vom restlichen Fahrrad abgekoppelt und auch nur als Rollstuhl benutzt werden kann. Während der Pilgertour nach Rom diente dieses Rollstuhlteil vorrangig als Gepäckträger. Auf der Sitzschale wurden sämtliche Taschen, Beutel, Schlafsäcke, Essereien, Werkzeugs- und Verbandskiste und noch vieles mehr verstaut. Fachgereicht verpackt und befestigt und mit einer großen gelben Olympiafahne – sie warb eins für Olympia 2000 in Berlin – umhüllt, bekam unser Gespann einen würdigen Vorderbau. Er erinnerte stark an einen glanzvollen Oldtimer oder an eine kraftvolle Lokomotive. Sein Abbau und noch mehr der Zusammenbau konnte schon allein über eine Viertelstunde in Anspruch nehmen. Zum Flicken des Schlauches blieb aber keine andere Wahl. Als es weiter gehen konnte, war es fast dunkel. Elingshausen war für einen Gastwirtschaft zu klein. Eine Pension oder Gästezimmer suchte ich, während Gottfried sich mit dem Schlauch beschäftigte, vergeblich. So mussten noch 8 km geradelt werden, bis wir schließlich im Stockdunkeln Obermaßfeld erreichten. Fremdenzimmer gab es hier auch nicht, dafür eine sehr nette alleinstehende Pfarrerin, die uns ohne Wenn und Aber sofort in ihr ehrwürdiges Pfarrhaus zum Schlafen einlud.

 

Was Luther mit Münnerstadt verband

*

Daniel fuhr schon mal vor

*

Das brachte sogar die Stuttgarter Polizei zum Staunen

*

Am Samstag mussten wir etwas länger auf unser Frühstück warten, Die Wirtsleute hatten am Vorabend eine muntere Gesellschaft, die bis nachts halb 4 feierte. Wir hörten nichts davon und schliefen wie die Murmeltiere. Die Etappe am Vortag hatte es wieder in sich. Sie führte von Künzelsau über Kupferzell und Schwäbisch Hall nach Sulzbach in den schwäbisch-fränkischen Wald. So wie am Mittwoch von  Würzburg nach Giebelstadt und am Donnerstag weiter nach Künzelsau war die Strecke recht wellig. Immer wieder mussten Berge überwunden und Täler durchfahren werden. Lutz suchte zwar im Internet mittels eines Routenplaners die kürzeste Strecke heraus. Vom Profil her war es aber gleichzeitig auch die schwierigste. Stoff für aufheiternde Gespräche und Diskussionen während der 1. Tourwoche. Besonders dann wenn sich ein Berg scheinbar unendlich in die Länge zog und die erhoffte Bergkuppel nach der nächsten Kurve doch nicht in Sicht kam. Superlange Zieher blieben nach Münnerstadt auf der Bundesstraße 19 und in und um Bad Mergentheim in bester Erinnerung. An manchen langen Steigungen ist Gottfried fast  wahnsinnig geworden. Für einen Normalsterblichen war es schon kaum vorstellbar, das mit 40 – 50 kg gepackte Rollstuhlfahrrad, das selbst schon ein Eigengewicht von 50 kg besitzt, von der Stelle zu bewegen. Hintendran hing noch mein Dreirad. Mit mir auf dem Sitz brachte es auch über 100 kg zusätzlich auf die Waage. Probiert haben es viele, das Gefährt zu bewegen. Die Meisten resignierten schon nach wenigen Metern auf gerader Strecke. Strapazierfähiger als Stahlseile müssen Gottfrieds Sehnen sein. Welch gewaltige  Kräfte musste sein Körper bereitstellen und sein Gehirn musste sie punktgenau in die Beine schicken, um mit gleichmäßigem Drücken und Treten  das insgesamt 250 – 300 kg schwere und über 3 Meter lange Fahrradgespann einen 12 bis 15 prozentigen Berg hoch zu treten. Was für Schmerzen musste er dabei ertragen und wegstecken. Das kann wohl kaum einer erahnen. Mit tierischem Brüllen trieb er sich und mich voran und setzte so noch zusätzliche Kräfte frei.  Der Berg, der alles übertraf, alle bisher von uns bewältigte Steigungen in den Schatten stellte, hieß Degerloch. Eine nach beiden Seiten stark abgerundete Straße führte mit einer Steigung von durchschnittlich 12% 6 Kilometer lang aus dem Talkessel von Stuttgart heraus. Am Morgen riet uns ein älterer Herr, von der Straße durch Stuttgart-Degerloch noch ab und empfiehl uns, die Zahnradbahn zu benutzen. Nach einem kurzen Schwenk über den Cannstätter Vasen (nach dem Münchner Oktoberfest da zweitgrößte Volksfest in Deutschland) wollten wir auch gleich in Richtung Böblingen südlich aus Stuttgart heraus fahren. Kurz vor der Brücke über den Neckar machte es jedoch knack, knack, knack und die Kettenschaltung vom Rollstuhlfahrrad verabschiedete sich. Der Zahnkranzblock war total durchgetreten. Am Rad bewegte sich nichts mehr. Mit halber Kraft – mehr schiebend als fahrend – ging es durch den Stuttgarter Schlosspark. Der Park ist in der Autostadt, so der einzigste Ort, wo Fahrradfahrer das Radeln genießen können. Ansonsten gibt es kaum Radwege und viele Straßen, besonders die Ausfallstraßen aus Stuttgart sind für Radler total gesperrt. An der Straße nach Degerloch war ein Radweg auch Fehlanzeige. Wegen der Reparatur der Gangschaltung konnten wir erst am Nachmittag Stuttgart in Richtung Süden verlassen und den genannten Berg bezwingen. Dieser begann eigentlich ganz harmlos. Dies änderte sich jedoch sehr bald. Schon nach ca. 800 m kamen wir nur noch im Schritttempo von 4 bis 5 km/h voran. Erschwerend kam hinzu, dass die Fahrbahn total abgerundet war. Wir mussten unser ganzes Gewicht ständig zu einer Seite legen, um nicht umzukippen und in den Straßengraben bzw. die Böschung herunter zu kugeln. Teilweise mussten wir – eben wegen der starken Straßenwölbung – fast auf der  Fahrbahnmitte fahren. Plötzlich – das Bergende lag schon sichtbar nahe vor uns - kam uns ein Polizeiauto entgegen. Etwas barsch befahlen 2 Beamte, das Fahrrad von der Straße zu schieben. Weil dies nicht so schnell ging,  legen sie selbst Hand an und versuchten das Rad an die gegenüberliegende Straßenseite auf einen schmalen Gehweg zu schieben. Sie kippten mich fast um und kapitulierten schließlich vor der Last. Genau im  rechten Moment griff Gottfried noch zu und verhinderte Schlimmeres. Zuvor musste er erst einmal tief Luft holen. Seine Körperfunktionen liefen auf Volldampf. Im rasanten Tempo erzeugten sie Energie, schickten punkt genau die Kraft in die Beine. Sein Blut zirkulierte 3 Mal schneller als normal. Wer sich schon einmal total verausgabt hat weiß, dass man nicht einfach umschalten kann, danach in den ersten Minuten kaum in der Lage ist, zu sprechen. Inzwischen soll sich ein Rückstau fast bis ins Stadtinnere gebildet haben. Ungeduldete Mercedesfahrer beschwerten sich, weil sie nicht schnell genug heim kamen. Autohupen ließ die beiden Polizisten nervöser werden.  Zudem gehört Degerloch zur den exquisitesten Wohngegenden Stuttgarts. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Degerloch zum Höhenluftkurort. Zahlreiche Stuttgarter Fabrikanten bauten in Degerloch Sommerhäuser, Villen und Wohnhäuser. Heute noch sich an den Hängen viele Weingärten zu bewundern. Lange Zeit war Weinbau der Haupterwerbszweig der Degerlocher.

 

 

 

 

 

Die Welt ist klein

 

Horb lag keine 5 km hinter uns. Die tiefhängenden Wolken hatten sich abgeregnet und die Sonne leckte bereits die Pfützen von der Straße. Trotzdem wir am Neckar radelten stieg sie stetig bergan. Wie aus heiterem Himmel prasselte der Zorn Gottfrieds auf mich ein: „Tritt endlich richtig mit, mach nicht solchen Psycho-Terror!“ So nannte er es immer, wenn ich nicht so mittrat, so wie er sich es von mir erhoffte. „Kann er nicht oder will er nicht stärker treten“, wird er sich oft gefragt  haben. Angesicht dieser Strapazen wurden hier und da schon mal Fragen laut: „Was hat das alles für einen Sinn?“ Mit den Gedanken noch bei den liebevoll gekleideten Teddybären im Imbissstübchen, hatte er sicher gerade wieder das Bild der Kinder vor Augen, die ihm zum Abschied zwei selbstgenähte Teddybären schenkten. Er sah, wie diese behinderten Kinder in Polen auf den Spezialrädern und Dreirädern radelten und einfach nur glücklich waren.

 

*

Der Schlagbaum musste selbst betätig werden.

 

 

Eigentlich sollte die Grenze zur Schweiz schon ein Tag zuvor erreicht werden.  Doch wir blieben bei schönstem Altweibersommerwetter am Nachmittag in Bad Dürrheim hängen. „Gottfried, schau schon mal nach einer Unterkunft, ich werde weiter Handzettel verteilen und Geld sammeln.  Wir treffen uns um 18 Uhr hier im Eiscafe wieder“. Mittels der Handzettel – wir hatten sie in Deutsch und auf Italienisch im Gepäck bzw. ließen sie nachkopieren, wenn sie zur Neige gingen – informierten wir über die Tour und weshalb wir nach Rom pilgerten. Gedanklich ließen sich immer neue Gründen für diese Pilgerschaft finden, aber an erster Stelle standen Kranke und Behinderte. Ihre Sorgen und Nöte, ihre Hoffnungen und  Wünsche, Freud und Leid, alles was sie  bedrückt oder bewegt, wollten wir mit zum Heiligen Vater mit nach Rom neben. Die Velo-Pilgertour sollte Mut machen, nicht zu verzagen und immer neu Freunde am Leben zu finden. Sie sollte an die Forderung von Jesus erinnern: Im neuen Testament (Johannes 5,5) fragt Jesus am See Bethesda einen Kranken: „Willst du gesund werden?“ und forderte ihm auf: „Steh auf, nimm dein Bett und gehe hin!“

Zwei kleine braune Teddybären waren unsere ständigen Begleiter.  Viele erfreuten sich an ihnen. Doch wer vermutete es, dass diese Teddybären aus Polen, der Heimat des Papstes kamen.  Selbst hergestellt schenkten Behinderte der Europa-Radschule die Bären, als Gottfried ihre Einrichtung in Bialystock besuchte und mit ihnen Rad fuhr. Bei dieser Gelegenheit besuchte Gottfried auch die Kirche, in der eins der heutige PAPST als Bub ministrierte. Die beiden Teddys könnten das ohne Zweifel viel besser berichten. Sie könnten auch viel Licht hinter die Zerwürfnisse der Europa Radschule bringen. Aber sie schweigen und strahlten auf dem Fahrrad, zugedeckt mit der Regenbogenfahne Frieden und Geborgenheit aus. So konnte man meinen, dass wir hauptsächlich aus Vergnügen und Spaß nach Rom radelten. Wirkte die Tour auch nach außen harmonisch, so gab es in diesen Tagen dauerhaften Frieden höchsten mit Gott, Ihm begegnete wir auf vielfältige Weise. Mir war als radelte er dicht neben uns, oder ließ wenigstens die Flügel seiner Engel über uns ausbreiten.

 

 

 

 

 

Das Frühstück zog sich am nächsten Tag wieder sehr in die Länge. Eine dreiviertel bis eine Stunde nahm dieser Akt täglich in Anspruch. Wenn es auch nicht immer so reichhaltig und abwechselungsreich war, wie an diesem Morgen. Frische Brötchen, Butter, 2, 3 Sorten Marmelade,  Honig, Nutella, Rührei mit Speck und Schinken, Aufschnitt, Käse, 2 große Schüsseln Müsli, Jogurt, Kaffee und Früchte und Säfte, es passte gar nicht alles auf unserem Tisch. Kleingeschnittene Brötchen schob ich mir teilweise mittels einer Gabel mehr schlecht als recht selbst in den Mund. Dazu nahm ich extra eine Gabel mit einem dicken Holzgriff mit auf die Reise. Doch es mündete oft in einem Fiasko. Der Tisch stand nicht fest genug oder die Tischdecke ließ meine Hand zu stark auf dem Tisch hin und her rutschen. Dazu die fremden Umgebung und das bloße Anwesendsein weiterer Gäste ließ meine Verkrampfungen stärker werden.  Die Kaffeetasse schwappte über und die Marmeladen tropften auf die Decke. Manchmal wäre es besser gewesen, mir helfen zu lassen und nicht so eine Matzerei zu veranstalten. Unser Tisch sah häufig aus wie ein Schlachtfeld.  Bei Speisen wie Müsli, Quart- und Jogurt, Nudel usw. musste mir der Löffel sowieso zum Mund geführt werden.  Und trotzdem war es mir angenehmer, die Brötchen- und Brotstückchen selbst mit der Gabel in den Mund zu buchszieren.  Als Spitzensportler – alle Male war die Leistung damit vergleichbar - musste mein Partner ja auch ein ausgiebiges  und reichhaltiges Frühstück zu sich nehmen.

Den Vormittag gestaltete jeder für sich. Gottfried legte noch die frisch gewaschene Wäsche zusammen. Bereitwillig wurde sie gleich am Vorabend von den Wirtsleuten in die Maschine gesteckt. Das Fahrrad musste regelmäßig auf Mängel und Schwachstellen geprüft und wenn nötig kleine Reparaturen vorgenommen werden.  In der Zwischenzeit machte ich mich schon per Dreirad auf Richtung Blumberg zur Schweizer Grenzen. Kurz nach Bad Dürrheim würde die Bundesstraße B27 zur vierspurigen Schnellstraße. Zum Glück verlief die alte B27 parallel neben ihr. Auf ihr hatten Inlineskeater und Fahrräder den Vorrang. Auf Schildern „Die einen müssen – die anderen dürfen“ wurde häufig darüber hingewiesen, dass die Straße für alle da ist. An diesem Morgen hatte ich trotz des Feiertages (Tag der Deutschen Einheit) die Straße fast für mich fast alleine. Nieselregen war schuld daran. Schwer war es für mich, ja sogar unmöglich, in Donaueschingen  den Radweg an der Donau nach Hüfingen zu finden. Wegen meiner Sprachbehinderung könnte ich mich schlecht nach dem Weg erkundigen. Unter Anstrengung – ich war schon ca. 15 km geradelt – war ich noch schwieriger zu verstehen und das Sprechen fiel auch schwerer. So hieß es sich nach den Wegweisern für Autos zu richten und diese führten wieder zur B27. Der Verkehr war wenigstens gleichmäßig stark. Wenn schon Verkehr, dann finde ich es so angenehmer, als wenn nur jeder Minuten oder in noch größeren Abständen von Hinten einer angebraust kommt.  Nach 5 km säumte wieder ein Radweg die Straße und ich hatte wieder mehr Ruhe beim Treten. Um die Mittagszeit – vielleicht war es auch schon früher Nachmittag holte mich Gottfried wieder ein. Eine Dampflok ließ weiße Wölkchen in den grauen, regenverhangenden  Oktoberhimmel steigen. Trotzdem stand eine große Menschentraube auf dem Bahnsteig. Wir gesellten uns dazu und nutzen es für einen kleinen Imbiss. Andenken, Getränken, heiße Würstchen und manch andere Kleinigkeiten, verkaufte ein kleiner rollender Kiosk auf dem unbepflasterten Bahnsteig. Aber nur bis der Traditionszug abgefahren war. Sicher wurde diese Bahnstrecke nur noch für solche Ausflugfahrten genutzt. Große Reisebusse parkten auf der anderen Seite des Bahnsteiges vor dem  Bahnhof. Sie brachten die ganzen Ausflügler und fuhren leer wieder davon, um  die Gäste vom Endbahnhof abzuholen. Auch wir koppelten die Räder zusammen und auf gang es in die Schweiz. Die Straße wurde kurz davor zur Autobahn. Fahrräder wurden umgeleitet und so gelangten wir auch eine Wanderweg. Nach einer kurzen Steigung standen wir  vor einer Schranke. Daneben ein Schild mit dem Staatswappen der Schweiz. Darunter der Hinweis, dass man diesen Wanderweg tagsüber von 8 bis 20 Uhr passieren darf. Der Schlagbaum musste selbst betätig werden. Doch es war ganz schön Kraft von Nöten, um den Balken in die Senkrechte zu bringen. Allein hätte ich es nicht geschafft und war ganz froh, dass man Partner wieder bei mir da. 200 oder 300 m weiter wieder ein Schild. Es informierte, dass wir Staatgebiet der Bundesrepublik Deutschland betreten oder so wie wir befahren.  Weitere Grenzzeichen oder Schlagbäume fielen mir nicht auf, aber spätestens in Schaffhausen wurde es klar: wir waren in der Schweiz. Viel Zeit ließen wir uns nicht, die Stadt in Augenschein zu nehmen nur einmal kurz in die Fußgängerzone und dann fuhren wir auch schon weiter in Richtung Winterthur. Wir schafften nur noch die Hälfte der Strecke. Der ganze Tag war verregnet, wenn auch nicht stark, so nieselte es doch ständig vor sich hin.

 

 

 Wollt ihr wirklich nach Rom?

 

Henggart lag nicht direkt an unserer Wegstrecke. Wir mussten ca. 2 km von ihr abweichen. Hier fanden wir recht schnell einen Landganzhof. Oma und Opa begrüßten uns herzlich. Sie waren aus Keramik und saßen fast wirklichkeitsgetreu vor dem Eingang zufrieden und glücklich auf einer Bank. So wie sie war der ganze Vorgarten und das Innerer der Gastwirtschaft liebvoll gestaltet. Zum Anwesen gehörende Stellungen und Gehöfte waren zu Wohnungen und Fremdenzimmer ungestaltet und luden zum Wohlfühlen ein. Nur schade, es gab kein Frühstück und wir mussten aus am nächsten Morgen mit knurrenden Magen aufs Rad schwingen.

Am Stammtisch in Seuzach wollte man es nicht glauben, dass wir auf den Weg nach Rom waren und jemals dort mit dem Mobil, so voll gepackt wie es vor der Gaststätte stand, ankommen werden. Trotzdem spendierte uns die fröhliche Kaffeerunde am Stammtisch ein Frühstück und wir dankten sehr herzlich.   

Starker Regen ließ mich in ein Cafe flüchten. Noch dringender druckte mir die Blase. Dieser Umstand bereitete mir arge Probleme. Das ungemütliche Herbstwetter verlangte entsprechende Kleidung. Mein Beinkleid bestand aus vier bis fünf Hosen. Um die Träger meiner langen Rennhosen von den Schultern streifen zu können, mussten erst ebenso viele Pullover und Jacken ausgezogen werden.  Allein schon für das Abziehen der Radhandschule benötigte ich 1 bzw. 2 Minuten. Dann störte der Sturzhelm. Um die Oberbekleidung über den Kopf zu ziehen, musste er abgesetzt und aus der Hand gelegt werden. Allein schon diese wäre ohne Gummiband als Helmverschluss undenkbar gewesen. Mein orthopädischer Schuhmachermeister hatte mir noch die Verschlussgurte des Helmes durch Gummi ersetzt und ermöglichte mir so das Tragen oder besser das Auf und Absetzen des Helmes. Oft ermahnte er mich mit erhobenen Zeigefinger, wenn ich ohne Kopfschutz oder im Dunkeln durch Erfurt fuhr. Heute muss er sich selbst mit einem zertrümmerten Gehirn, angewiesen auf fremde Hilfe, durchs Leben schlagen. Ein Baum wurde ihm zum Verhängnis, als sein Auto von der nasse Fahrbahn kam. Sein Schicksal ließ mich während der gesamten Fahrt nicht los, ließ uns ruhig und besonnen radeln, immer darauf bedacht, jedes Risiko zu vermeiden oder wenigstens so klein wie möglich zu halten. Da er in seinem „früheren Leben“ uns im Radfahren für Behinderte immer großzügig unterstützte, wollten wir vor Tourantritt bei ihm vorbei schauen, zweifelten aber dann doch, ob er uns erkennen würde. 

Kleiderhaken oder eine Ablage gab es auf der Toilette nicht. Was blieb mir weiter übrig, als meinen Helm und die anderen Kleidungsstücke auf dem Erdboden zu platzieren? Zum Glück befanden sich keine Knöpfe an den Sachen. Sie  hätten mir das Aushosen ohne Hilfe unmöglich gemacht. Große Schlüsselringe an den Reißverschlüssen waren in dieser Situation nicht mit Gold zu bezahlen. Sie verhinderten schließlich Ärgeres. Kurz zuvor erwischte es Gottfried. Der Pannenteufel hatte zum 3. Mal zugeschlagen. Also wieder  Schlauchflicken mitten auf der Straße.

 

 

Zürich ließ uns nicht los.

 

Es verstrich wohl eine gute Stunde bis Gottfried das Rad wieder startbereit hatte und mir nachradelte. Die nette Kellnerin eilte mir gerade nach vor die Tür, um mir noch beim Hineinschlüpfen in die Regenjacke und beim Aufsitzen auf mein Dreirad behilflich zu sein. Davor hatte sich mich schon auf eine Tasse Kakao eingeladen und mir das Warten, dass es aufhört zu regen, verkürzt. Denn Stadtrand von Zürich erreichten wir gegen 14 Uhr. Wegen der weit ausgedehnten Nord-Süd-Lage erblickten wir den Vierwäldersee erst eineinhalb Stunden später. Hangförmlich schmieg sich an einer seiner viele Ausbuchtungen das Zentrum mit seinen historischen Kern. Hier pulsiert eigentlich das Leben, kann man im Sommer kaum einen Fuß vor den anderen setzen. An diesem ersten Samstag im Oktober war aber sogar die Hauptgeschäftstrasse, die Bann- und Flaniermeile von Zürich fast menschenleer. Die Gartenstühle der unzähligen, sonst dicht gedrängten Straßencafes lehnten zusammengeklappt an den Häuserwänden und hofften noch auf einen sonnigen Herbst. Fasziniert von diesem Flair, der sogar im Regen spürbar war, schlenderten wir durch die Gassen, aßen an einem Grillstand eine Wurst mit Erbsensuppe und beschlossen dann in Richtung Zug / Altdorf  weiterzufahren. Am Spätnachmittag gab es auch einige größere Wolkenlücken, die wunderschöne Blicke über den See bescherten. Noch nass vom Regen glitzerten viele der zahlreichen Kuppeln und Türme von Zürich in den schönsten Farben.  Als wir 15 km aus der Stadt waren – es ging stetig bergauf – fing es an zu dämmern. Abendliche Röte ließ für den nächsten Tag nichts Gutes erahnen und es wurde auch ein verregneter nasskalter Sonntag. Zuvor musste eine Unterkunft gefunden werden, die unseren schmalen Geldbeute nicht überstrapazierte. In und um Zürich ein Ding der Unmöglichkeit. Kleine Pensionen oder Fremdenzimmer so wie in Deutschland Fehlanzeige. Jener Vorort hatte nur größere Hotels. Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche standen hier jeweils auf einen Berg hoch über den Ort. Wir scheuten diese Mühe nicht, mussten aber beide Male unverrichteter Dinge wieder bergab und schließlich dann auch hinab nach Zürich rollen. In der Jugendherberge gab es keine Schlafgelegenheit für uns. So fanden wir uns schließlich in der Fußgängerzone wieder, von wo wir am Nachmittag gestartet waren und noch 20, 25 km aus Zürich raus radeln wollten.  

 

In den Alpen hat’s geschneit

  „Auf dem Gotthard liegt Schnee. Da könnt ihr nicht drüber“, warnte Herr Pfarrer. Am besten Ihr fahrt im Tal bist P:, ladet die Räder in den Zug und ab durch den Tunnel“.  Da er früh weg musste, zögerte er ein wenig, uns zur Nacht aufzunehmen, doch seine 80-jähige Haushälterin stand sofort Gewähr bei Fuß, bewirtete uns aufs Vorzüglichste und wuchs unsere nasse verschmutzte Wäsche.

*

Gott organisiert am besten

 

Beim Abschied winkte sie uns noch lange nach. Vielleicht hatte uns dies neben die faszinierende Landschaft, hier am VIRWALDSTÄDTER SEE, so beeindruckt,  dass wir eine falsche Richtung einschulden und auf dem besten Wege waren, den See völlig zu umrunden. Das Wetter hatte sich um 180 Grad gewendet. Schon am frühen Morgen ließ die Sonne die Berge in ihren schönsten Farben leuchten. Trotz schneebedeckter Bergkuppen grünte und blühte es noch aller orten. „In 4 bis 5 Stunden werdet ihr an der Bahnstation sein“; meinte noch der Pfarren von Arth am See. Wir erreichten sie erst kurz vor 19 Uhr. Der nächste Zug in Richtung Italien sollte in einer guten Stunde fahren. Zum Verladen der Räder war Hilfe von Nöten. Die Züge hielten hier nur kurz und im Waggon musste ja auch genügen Platz vorhanden sein. „Es ist besser,  wenn Sie es anmelden, dann können wir ihnen besser helfen“ meinte der Bahnbeamte und riet uns am nächsten morgen zu fahren.

Unsere Suche nach einem Nachtlager führte uns zur Kirche. Der Pfarrer – er war 10 Jahre als Missionar in Afrika, und kehrte erst vor Kurzen in die Schweiz zurück – sah uns schon 20 km vorher auf der Straße rollen, hatte für uns aber kein Plätzchen in seinem Pfarrhaus. Er schien schon ungute Erfahrungen gemacht zu haben, dass seine Hilfsbereitschaft ausgenutzt und missbraucht wurde. Half aber trotzdem. Schickte uns kurzer Hand in ein Hotel und übernahm die Kosten für ein Nachtessen und Übernachtung. Bat uns, es nicht weiterzuerzählen und kein Foto von ihm zu machen. Wir fotografierten stellvertretend für alle, die in  ihrer Hilfe anonym bleiben wollten, den Heiland an seiner Haustür.

Just in dem HOTEL, in das er uns schickte, stiegen am gleichen Abend zwei Pfaffen aus Wiesbaden ab. In unser Pilgerbuch schreiben sie ein: „Wir zwei katholische Pfaffen wollen euch Morgen über den St. Gotthard schaffen... “  Sie schafften uns unten durch. Das war uns auch lieb. Auf jeden Fall waren sie mit einem leeren Kleinbus Richtung Italien in ein Kloster unterwegs. Sie hätten uns bis Rom geschafft, aber unsere Pilgertour sollte weiter gehen...

In Bellinzona auf der Südseite der Alpen konnten wir uns wieder sommerhaft kleiden.

 

Lago Maggiore

 

Ehe die Teile des Rollstuhlfahrrades wieder zusammengeschraubt und alle Gepäckstücken auf dem Rad verstaut waren, verging meist eine habe Stunde. Sorgfältig wurde vor dem Weiterfahren die wichtigsten Schrauben nachgezogen. Lutz trat in der Zwischenzeit schon einmal in die Pedale. Wie die meisten Landstraßen in der Schweiz hatten auch dieser Highway in Richtung Süden an jeder Seite einen breiten Streifen für Fahrräder. Durch eine gelb gestrichelte Markierung gekennzeichnet, boten sie Radler und Fußgängern ein ungefährlicheres Vorwärstkommen. Nach 3 oder 4 Kilometern überholte das Rollstuhlfahrt das Dreirad. Es wurde wieder angekoppelt und gemeinsam ging es ins Tal dem Lago Maggiore entgegen. In Gordola  fiel die Entscheidung auf der 

*

Kommt zu mir!

*

Das morgendliche Glockenspiel

 

Marcello muss es gewusst haben, in Genua waren Himmel und Menschen auf den Beinen. Die internationale Bootsausstellung  „Boot 2003“ öffnete gerade ihre Pforten. Auf der Schnelle beim Vorbeiradeln entdecken wir am Vormittag wirklich keine geeignete Übernachtungsmöglichkeit, wo wir unsere müden Knochen hätten betten können. „Danke, danke, danke Marcello!“, Gottfried wiederholte diese Dankeswortes immer wieder beim Passieren dieser gigantischen Metropole. Ihre Vororte glichen schon große Städte und zogen sich 10 – 15 km in die Länge. Zwei Stunden mindestes – wenn nicht sogar drei – dauerte es, bis wir uns dort durch gekämpft hatten und von einer autobahnähnlichen Hochstraße aus das Mittelmeer und die Prachtpromenade von Genua erblickten. Auf Parkplätzen reihte sich Wohnwagen an Wohnwagen und der Strom von Fußgängern hin zur Bootsausstellung riss kaum ab. Beim Imbiss in einer Selbstbedienungskantine war dies gut zu beobachten. Fast wären wir selber auf die Bootsmesse gegangen, zwangen uns aber in Richtung  La Spezia weiter zu fahren, und blieben dann doch bis zum Abend in der Innenstadt von Genua hängen. Festlich geschmückte Straßen und Plätze luden zum Verweilen ein. Prächtige Häuser mit großen Arkaden, dann wieder enge kleine Gasse machte das Stadtbild interessant und abwechslungsvoll. Hinter jeder Ecke ließ sich etwas Reizvolles entdecken. Südländische Klänge sowie Menschen, die in altertümlichen Gewändern durch die Gassen zogen  und auf Plätzen historische Tänze + Spiele darboten, rundeten den südländischen  Flair dieser Millionenstadt ab. Eins drauf setzte noch ein Braunpaar, das in dieser Szenerie heiratete. Sie verewigten sich auch in unser Pilgertourbuch und wünschten viel Kraft für die weitere Tour noch Rom.

Gut, dass wir unsere Handzettel auch in Italienisch hatten, Sie gingen an diesem Nachtmittag weg wie warme Semmeln und füllten die Reisekasse wieder auf. Immer wieder bildeten sich regelrechte Trauben um unser fahrradähnlichen Gespann und man wollte wissen, was es damit auf sich hat. Kein Problem war, die Handzettel samstags gegen 19 Uhr noch nachkopieren zu lassen. Während Gottfried danach sich ein 6 km Weg zur Jugendherberge hoch quälte, machte ich weiter mit den Flugblättern  auf die Tour und ihr Anliegen aufmerksam.

Wie verabredet treffen wir uns 3 Stunden später und gönnten uns ein Bier. Umsonst den Berg hochgefahren. In der Herberge war nur ein Bett. Wie ein Pilger legte sich Gottfried jeden Abend auf den harten Fußboden zur Ruh. Obwohl wir keine Luftmatratze oder was vergleichbar Weiches im Gepäck hatten, wäre dies kein Problem gewesen, dann Gottfried legte sich ohnehin jeden Abend wie ein richtiger Pilger auf den harten Fußboden zur Nacht. Aber der Herbergsvater hatte seine Bestimmungen. Konnte es nicht erlauben, dass sich Gottfried zum Schlafen auf den Boden vor das Bett legte. Was blieb über, als unsere Räder wieder aneinander zu hängen und aus die Stadt zu radeln. Aber auch am äußeren Stadtrand waren die Hotels restlos voll. Wegen der Bootsmesse war hier wirklich alles zu spät. Es würde von uns gar nicht mehr drauf geachtet, ob das Hotel 3 oder 5 Sterne hatte, aber nichts. An den Türen häng meist schon ein Hinweis „full house“.  Es ging auch gleich wieder in die Berge, also nichts mit eben an der Küste entlang, so wie es uns die beiden Rheinländer Pfarrer empfohlen hatten.

 Die Straße schlängelte sich an der Steilküste entlang und ging ständig bergauf oder bergab. Grünflächen, wie Wiesen, Weiden oder Park suchten unsere Augen vergeblich. Und wenn sie  etwas rasenähnliches Grün in der Dunkelheit erspähten, so war es ein eingezäuntes Anwesen mit zauberhaften Villen. Wenn nicht gerade üppige Bäume oder buschartige Sträucher die Sicht verschleierten, sah man den Mond über das stille nächtliche Meer glitzern. Die Nacht war schon weit vorangeschritten, als wir am Rande eines Parkplatzes unterhalb unserer Straße einwenig Rasen erspähten. Zum Parkplatz ging es einen ziemlich steilen und vom Regen ausgewaschenen Weg hinab. Die Müdigkeit war jedoch stärker und ließ  uns hinabrollen. Enttäusch kehrten wir um. Das Grün war eingezäunt. Bei der nächsten Stelle, die uns ein Schlafplätzchen in Mutter Natur erhoffen ließ, ging Gottfried zu Fuß nachschauen. Doch wieder ein Flop. Auch der Warteraum in der Bahnstation war zu dieser nächtlichen  Stunde verschlossen. Unmittelbar danach kam eine kleine Stadt. Die Felsen hatten sich etwas ins Land zurückgezogen und machte ihr Platz. Wir verließen die Straße und führen in sie hinein, überquerten einen Brücke. Der Flusslauf hin zum Meer war ausgetrocknet. Italien hatte nach dem trockenen und heißen Sommer arg mit Wasserknappheit zu kämpfen. Parallel des Flusses führte ein mit Holzern bepflasterter Weg zum Strand. Zu beiden Seiten eine schmale Parkanlage. Aber auch hier fanden wir kein geeignetes Plätzchen. Am Strand nur Steine und Geröll, aber auch drei grün gestrichene Parkbänke,*

 

Der Schreck fuhr in die Glieder

*

 

Passo del BRACKO

*

 

Viele Wege führen nach Rom

*

 

Er hat mir die Hand gegeben

 

Am Abend war das Wetter noch schön, sommerlich warm, in den engen gemütlichen Gassen der Innenstadt wimmelte es nur so an Menschen. Aber in der Nacht setzte wieder Regen ein. Fast täglich sorgte er  für eine morgendliche Dusche. Trübe Aussichten. Heute Mittwoch, den 22.10.03 sollte der große  Festgottesdienst anlässlich der Ernennung 30 neuer Kardinäle auf dem Petersplatz stattfinden. Um 10 sollte er beginnen. Wir standen 6 Uhr auf, frühstückten nach dem Morgenlob um viertel nach sieben und starteten um 8 in Richtung Petersplatz. Wie an jeden Tag begleitete uns eine Polizeieskorte auf Motorrädern. Auf Grund des starken römischen Verkehrs dürfen Reisebusse eigentlich überhaupt nicht in Rom durch die Stadt fahren. Dank der Eskorte fuhren wir nur 20 min. Sonst hätten unsere Busse sicher eine Stunde oder gar länger zum Peterplatz benötigt. Noch im Bus erreichte uns eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Schlechte: der Gottdienst findet, weil es regnet, nicht auf dem Petersplatz statt, sondern direkt im Dom statt. Das Gute daran: wir hatten vor dem Gottesdienst reichlich Zeit, uns das Innere des Petersdoms in Ruhe betrachten zu können. Wie am Montag zum Gottesdienst anlässlich „50 Jahre Malteser-Hilfsdienst in Deutschland“ dürften wir wieder den stufenlosen Hintereingang in den Dom benutzen. Das Besondere darin war: man musste Hoheitsgebiet des Vatikans überqueren. Normalerweise ist das nicht üblich. Sogar die Läufer unserer Malteserpilgergruppen, die keinen Rollstuhl schoben, mussten einen anderen Weg in den Dom nehmen.  So sollte es auch diesmal sein. Ich stutzte ganz schön und war auch etwas enttäuscht, als es nach der Vatikansgrenze nicht den schon vertrauten Weg geradeaus und dann nach rechts in den Dom ging, sondern nach links in eine große Halle.

Sie glich einem riesengroßen Theater- oder Kinosaal. schlicht und schmucklos. Sogar ein Kruzifix suchte ich  vergeblich.  Eine große Leinwand, um den festlichen Dankgottesdienst schön verfolgen zu können, wurde auch nicht herunter gelassen. Im Fahrradrollstuhl, in ihm saß ich schon während unserer Tour nach Barcelona, stand ich in der 3. oder 4. Reihe. Von diesem Platz aus sah man auf der 1 bis 1,50 Meter mal 2,50 großen Videowand alle Details, sogar wie der Papst jeden einzelne der 30 am Vortag ernannten Kardinal durch Kreuzzeichen für seine Berufung segnete und ihm den Ring auf den Finger steckte. Die Pilger in den hintersten Reihen benötigten dazu sicher ein Fernrohr. 25.000 Menschen soll diese  Audienzhalle „Paul VI“ fassen und war voll bis zum Rand. Die Stimmung erwartungsvoll. Immer wieder ertönte aus irgendeiner Ecke ein Lied und im Nu sang die ganze Halle mit. Sie stieg auf den Siedepunkt, als Verkündet wurde, dass Papst Johannes-Paul trotz seiner körperlichen Schwäche und Zerbrechlichkeit, die zusätzlich von der Kardinalsfeier in Anspruch genommen wurde, zur Generalaudienz in die Halle kommen wollte.

Mich hielt nix mehr aus dem Fahrradrollstuhl. Ich stand auf, kämpfte mich vor bis zur ersten Reihe. Ein Sicherheitsbeamter wollte mich schon zurückweisen. Ich lief trotzdem weiter bzw. rettete mich auf einen Stuhl. Einige Stühle weite hörte ich eine Frau sagen: Das ist doch der, der mit dem Fahrrad von Thüringen nach Rom gefahren ist, der gehört einfach in die 1. Reihe.  Sekunden später wurde ich von einem Würdenträger des Malteserordens ganz vor, eigentlich noch vor die erste Reihe gesetzt. Glücklich und erwartungsvoll starte ich auf die bühnenartige Erhöhung. Im Kopf kreisten meine Gedankten, all die Gründe, weshalb ich die Pilgertour auf mich genommen habe. Vor meinen Augen erschienen Bilder von Menschen, denen wir auf der Tour begegnet waren. Ich sah die verkrüppelten Behinderten in Genova, die Bettlerin, die im stärksten Verkehr zwischen den Autos hin und her lief. Ich sah Pflichtbesessene Polizisten und ungeduldige Autofahrer, die wegen uns langsam fahren oder ausweichen mussten. Aber auch ihre begeisterten Hupkonzerte klangen mir noch wie Musik im Ohr. Ich sah armselige Häuser und großen Villen und könnten mir die Menschen verstellen, die darin wollten. Ich sah überforderte Geistliche und Menschen, die von unserem Pilgervorhaben so begeistert waren, dass sie uns spontan anhielten oder zur Nacht in ihr Haus einluden. Die ganze Tour lief noch einmal wie ein Film vor meinen Augen ab. Und plötzlich war er da. Ich bemerkte ihn erst, als der Papst zur Tür herein geschoben wurde. Unweigerlich ergriff ich seine Hand und er strahlte. Er saß ebenso wie der Papst im Rollstuhl. Sein Speichel lief ihn unaufhörlich aus dem Mund. In seinem ganzen Erscheinungsbild, mit den verkrampften Armen und Beinen ähnelte er Olivia aus Wien. Ich lernte sie dieses Jahr bei einen Workshop für Selbstbestimmtes Leben in München kennen  Unbekümmert, wie 18 jährige Mädchen so sind, machte sie – mit Unterstützung ihrer Helfer – München sogar bei Nacht unsicher.

Schaffte es ihre Eltern trotz der Schwere ihre Behinderung sie in einer normalen Schule unterrichten zu lassen, kämpfen sie jetzt weiter, ihr ein selbständiges und unabhängiges Leben zu ermöglichen. Hartnäckig gegenüber der Gesellschaft, hart aber auch zu sich selbst und zu ihrer Tochter, versetzte sie schon Berge. Schwer muss es auch für den Papst sein, täglich der Forderung Jesus zu folgen: Steh auf, nimm die Bett und gehe hin. Dass er trotz seiner schweren Last in die Audienzhalle kam – nicht nur ein unvergessliches Erlebnis, sondern eine Ermutigung für viele.